{"id":919,"date":"2010-02-28T16:07:28","date_gmt":"2010-02-28T15:07:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.weinfreunde-unterland.at\/wordpress\/?p=919"},"modified":"2011-04-15T10:08:51","modified_gmt":"2011-04-15T08:08:51","slug":"altersphopie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weinfreunde-unterland.at\/wordpress\/altersphopie\/","title":{"rendered":"Altersphopie"},"content":{"rendered":"<p>(c) 2010 Julia Sevenich<\/p>\n<p>Wir haben Besuch aus dem Ausland. Das Paar ist um die 60. Sie, bisher Autodidakt, studiert bildende Kunst; er ist Gastprofessor und arbeitet an einem spannenden Forschungsprojekt. Sie sind begeisterte Bergsportler und Weinliebhaber. Die beiden stehen mitten im Leben. Ihre Lebensfreude und Vitalit\u00e4t sind ansteckend.<br \/>\nWir gehen in ein gut b\u00fcrgerliches Restaurant das f\u00fcr seine modern interpretierte Wiener K\u00fcche bekannt ist. Jeder bestellt quer durch die Karte, aber mit der gro\u00dfen Weinauswahl sollte problemlos eine entsprechende Kreszenz gefunden werden. Der Weinkarte ist, passend zum Lokal, haupts\u00e4chlich mit \u00f6sterreichischen Spezialit\u00e4ten best\u00fcckt.<\/p>\n<p>Die Bandbreite ist gro\u00df. Jede wichtige Rebsorte, jedes Weinbaugebiet, jede Stilrichtung ist mit bekannten Winzernamen sowie mit Newcomern vertreten. Toll, denn die \u00f6sterreichischen Weine sind sehr vielseitige Speisenbegleiter. Doch auf den zweiten Blick stellen wir fest, dass alle Wei\u00dfweine mit wenigen Ausnahmen aus dem gleichen Jahrgang stammen und zwar dem j\u00fcngsten auf dem Markt erh\u00e4ltlichen.<\/p>\n<p>Wie kommt es, dass wir in \u00d6sterreich unsere Wei\u00dfweine so jung trinken? Sicher, die frisch abgef\u00fcllten Weine haben mit ihrer prim\u00e4ren Frucht und Spritzigkeit ihren Reiz, aber die besten Speisenbegleiter sind sie selten. Manche unserer heimischen Wei\u00dfweine geh\u00f6ren zu den besten und den langlebigste Weinen der Welt. Auf der Karte finden sich einige reifere \u00f6sterreichische Rotweine, aber vielen w\u00e4ren weit nicht so lagerf\u00e4hig wie die besten sp\u00e4tgelesenen Rieslinge und Gr\u00fcner Veltliner oder auch Chardonnay aus dem gleichen Jahrgang.<\/p>\n<p>Nach einem kurzen Gespr\u00e4ch mit der Wirtin, eilt ein Gr\u00fcner Veltliner Ried Lamm 2002 an den Tisch. \u201eWegen seiner w\u00fcrzigen F\u00fclle und reifen S\u00e4urestruktur wird er eine perfekte Begleitung zu den Backhendln sein\u201c sagt sie. Zu Kalbsleber empfiehlt unsere Gastgeberin einen 2001 Weissburgunder Nussberg \u2013 s\u00e4mig und bek\u00f6mmlich, immer noch erfrischend und mit raffiniertem, strahlendem R\u00fcckgrat. Als eine tolle \u00f6sterreichische Rarit\u00e4t pr\u00e4sentiert sie einen 2004 Rotgipfler zu Tafelspitz mit Schnittlauchsauce und Semmelkren. Ein unvergessliches und sehr \u00f6sterreichisches Erlebnis f\u00fcr meine G\u00e4ste aus \u00dcbersee!<\/p>\n<p>\u00dcber die versteckte Weinsch\u00e4tze erkl\u00e4rt die Wirtin, dass die G\u00e4ste immer gierig auf den neusten Jahrgang seien, sie selbst trinke lieber was Reiferes \u2013 es bekomme ihr einfach besser. Ich best\u00e4rke sie zu mehr Mut, denn offensichtlich ist ihre Weinkenntnis profund. Wir sollten Stolz auf den Charakter und die kulinarische Vielseitigkeit unserer gelagerten heimischen Wei\u00dfweine sein. Sie zaubern etwas nicht Allt\u00e4gliches auf den Tisch: n\u00e4mlich Grazilit\u00e4t und Harmonie, die nur mit einer gewissen Reife zu erlangen sind. Charaktervolle \u00f6sterreichische Wei\u00dfweine, die in liebevoller Umgebung gereift wurden, strahlen ausgeglichene Lebensfreude und Vitalit\u00e4t aus.<br \/>\nAls der Herr um noch ein Glas Wei\u00dfburgunder bittet, sagt er: \u201eEs ist nie zu sp\u00e4t eine sch\u00f6ne Jugend zu haben!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie kommt es, dass wir in \u00d6sterreich unsere Wei\u00dfweine so jung trinken? Sicher, die frisch abgef\u00fcllten Weine haben mit ihrer prim\u00e4ren Frucht und Spritzigkeit ihren Reiz, aber die besten Speisenbegleiter sind sie selten. 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